Gespräch

Mitte Jänner 03

Ulrike Guggenberger

 
 

Die Aura einer stillgelegten Papierfabrik, knarrende Holzdielen,
offene Veranden und endlose Holzgänge, die mit langen, schmalen
Holzlamellen luftig nach außen abschirmen. Hitze, Kälte, Licht,
Schatten, Halbdunkel, verstaubte, trockene Gerüche, ein ständiger,
unaufhörlich singender Windzug sind Schauplatz für Gigi Jansas
archetypisches Welttheater. Das Szenarium im Dachboden der alten
Papierfabrik weckt Phantasien an Zukunftsvisionen, wie es gleichzeitig
Bilder aus uralten Schöpfungsgeschichten wachruft oder die
griechische Tragödie assoziiert.

Gigi Jansa musste sich viele Jahre gedulden, um dieses alle Sinne
ansprechende Konzept realisieren zu können. Die Bronzefigurinen
entspringen den tiefen Schichten des Unterbewusstseins und
geben Zeugnis über eine existierende Welt, deren Imagination im
Menschen unter bestimmten Bedingungen abrufbar ist. Die
Konstellationen zur Verwirklichung dieses Projekts mussten langsam
reifen und geschaffen werden. Der Mythos, als spezifische Weise
der Welterkenntnis, der gewisse Urerlebnisse der Völker auf sich
vereint, ist der Stoff, der dem Gesamtkunstwerk zugrunde liegt.

Das Erklärungsmuster für Gigi Jansas künstlerischen Prozess
verläuft nicht linear, führt sie aber stets zurück in ihr innerstes
Wesen, das von aktiven Phantasien und Imaginationen behaust ist.

Gigi Jansa, 1958 in Radstadt geboren, besuchte zunächst aus
Freude am Modellieren die Fachschule für Bildhauerei in Hallein.
Die Arbeit mit Materialien wie Gips, Ton, Keramik, Holz, Stein,
Metall, Bronze dient ihr kontinuierlich als Ausdrucksmittel für
innerseelische Vorgänge.

Sie begnügt sich dabei keineswegs mit einem Rückzug in das eigene
Selbst, sondern interveniert mit gesellschaftskritischen Aktionen,
wie 1986 „Vogel Strauß“, eine künstlerische Intervention gegen
Wackersdorf während der Festspielauffahrt. Dabei wird der
Zusammenhang zwischen der Befindlichkeit des Einzelnen und
seiner Rolle innerhalb der Gesellschaft von ihr nach allen
Richtungen hin ausgelotet.

Gleichzeitig spürt sie Mechanismen auf, die für den Menschen von
lebenserhaltender Bedeutung sind und die im Kosmischen ihren
Ursprung haben.Von daher fühlt sie sich zu den Erkenntnissen und
Erfahrungen der Geomantie hingezogen und erkennt den in
Vergessenheit geratenen Einfluss des Kosmischen auf menschliche
Entscheidungen und religiöse Gebräuche. Mehrere Reisen nach
Indien und Besuche bei Yogi-Meistern und indischen Heiligen
bestätigen ihr die Richtigkeit ihrer Gefühle.

Diese über viele Jahre hinweg gesammelten Erfahrungen und
Einsichten bereiteten den Boden für das Muster und Schema der
Bildlichkeit des großen Welttheaters, das sie an einem Ort,
der selbst Bühne ist, geschaffen hat.

Die Atmosphäre wirkt dicht und vermittelt sich äußerst intensiv.
Über einen langen, halbdunklen Holzgang, der gleichsam in einer
Höhle mündet, erreicht man den Schauplatz der mythischen
Erzählung. Die verwendeten Materialien zur Gestaltung der Bühne
sind schwarze und graue Tüllvorhänge, Sand auf bearbeitetem Holz
bildet den Boden der Landschaft, in der die etwa 30 – 50 cm hohen
Bronzeskulpturen eine Szene bilden. Gigi Jansa spricht von einer
Gruppe von Gestalten, die uns, aus einer anderen Welt kommend,
etwas zu sagen haben. Ihre Botschaft ist für jeden von uns
verschieden deutbar, verweist aber auf seelische Wirklichkeiten,
deren Ursprung im Begriff des kollektiven Unbewussten, wie
ihn C.G. Jung prägte, zu suchen sind. Das verschafft ihnen eine
allgemein menschliche Aussage. C. G. Jung lehrte, dass Traum
und Mythenmotive allgemein menschliche Erinnerungsmuster sind,
wie wir sie alle in uns tragen. Das erklärt den spontanen, unmittelbaren
Zugang, den wir zu Gigi Jansas Geschöpfen haben.

Gigi Jansas Wesen sind in ihr über mehrere Jahre hinweg intuitiv
entstanden, als Ausdruck einer inneren Kraftquelle, die uns allen
gemeinsam innewohnt und auf die Gigi Jansa hinweisen will.
"Ich sehe in der Arbeit mit meinen Figuren eine Art Auftrag,
diese zweite, unsichtbare Welt herauszufiltern und einen Dialog
mit dieser Welt zu eröffnen
“.

Der Habitus der Figuren, die auf hohen schlanken Beinen einherschreiten,
belegt gleichzeitig Gigi Jansas intuitives Wissen von der
Verbundenheit zwischen Kosmos und Erde. Den gelängten
Gestalten ohne Arme fehlt das horizontale Bindeglied, sie streben
in die Vertikale.

Zugleich sind diese Objekte ein vorläufiges Ergebnis ihrer
intensiven Studien zu perspektivischen Darstellungsweisen.
Immer wiederkehrende symbolisch besetzte Zeichen wie
Stierhörner erinnern an archaische Götter und damit an männliche Potenz. Gleichzeitig rufen diese sichelförmigen Umrisse Assoziationen mit der Mondsichel wach und bringen damit die Kräfte des weiblichen Elements ins Spiel.
Das ist von Gigi Jansa so beabsichtigt. Ihre visionäre Schau
verbindet Geschlechter und Kulturen, sie sucht die einzige,
geheimnisvolle Kraftquelle, die uns allen innewohnt, zu symbolisieren.
Das Alpha und das Omega.
Diese Suche ist seit allen Zeiten Thema der Kunst.

Der Mythos, Ursprung und Ausgangspunkt unzähliger Werke in der
bildenden Kunst, entsteht aus einer Sichtweise der Welt, die den
rationalen Zusammenhang unberücksichtigt lässt und die sich nach
zeitlosen, ewig gültigen Wahrheiten verzehrt.
Der Mythos kennt keine Zeit: Gegenwart, Vergangenheit und
Zukunft sind allgegenwärtig. Auf Gigi Jansas bildersprachliches
Epos in der Dachkammer einer bereits zur Legende gewordenen
stillgelegten Papierfabrik, trifft diese Definition des Begriffs
Mythos in klassischer Form zu.
Genauer noch, der von Gigi Jansa in Szene gesetzte Mythos ist als
„Wilder Mythos“ ihr eigenes, gestaltetes Schöpfungswerk, abseits
der klassischen Mythen, deren Ikonographie er sich bedient.